BIG DATA & KUNST

Eins ist sicher: Die Digitalen Revolution hat uns erobert! Wir – die Menschen, ob wir es wollen oder nicht, werden unaufhaltsam digital transformiert. Begriffe in Bezug auf die Digitalisierung gibt es 1000-fach, Konferenzen wie der Digital-Gipfel, die DLD, die Digital Health Conference häufen sich, Initiativen wie „Digital für Alle“ sorgen für mehr Gleichberechtigung innerhalb der Gesellschaftsklassen, digitaler Lifestyle / digitale Haushalte sind hip, Kryptowährungen ermöglichen den digitalen Zahlungsverkehr, Home Office und Home Schooling & Zooming haben in Zeiten von Corona an Fahrt gewonnen, digitale Zwillinge schreien nach Reproduktion des Egos, Digital Engineering verbessert die Planungsqualität, digitale Liebe belebt die Pornoindustrie, Arztpraxen diagnostizieren digitale Demenz, Digital Natives sind die neuen digitalen Ureinwohner, das digitale Erbe kümmert sich postmortem um ihre Facebook-, Snapchat- oder Instagram-Accounts und der D21-Digital-Index versucht all das, nämlich die Digitale Gesellschaft als Gesamtes zu verstehen. 

Kurz: Die Welt steht nicht mehr kopf, sondern digital!

„Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung“ – Heraklits Erkenntnis hat, wie das Fortschreiten der technologischen Entwicklungen zeigt, auch nach zweieinhalbtausend Jahren noch seine Gültigkeit.

Der digitale Wandel unseres Lebens ist jedoch wesentlich tiefgreifender als die Industrielle Revolution, insofern das Zukunftsszenarien wie das Aussterben des Homo Sapiens und das Aufkommen neuer, unsterblicher Kreaturen mit Hilfe von Biotechnologie und Künstlicher Intelligenz nicht mehr ganz so abwegig erscheinen wie noch ein Jahrhundert zuvor.

Und hier kommen zeitgenössischen Künstler ins Spiel. Denn sie reagieren mit künstlerischen Mitteln stets auf die hineingeborenen Welten und können am ehesten aufsaugen, ausdrücken oder kritisieren, was um uns herum geschieht.

Künstler sind die wahren Seismografen in gesellschaftlichen Transformationsprozessen!

Meilensteine digitaler Kunst – kurz vorgestellt:

Frieder Nake (*1938)
Als Anfang der 60er Jahre die ersten Wissenschaftler beginnen mit dem Computer Grafiken zu erzeugen (vor allem im Bereich der NASA Raumfahrt-Überwachung), realisieren auch die ersten Künstler Ausstellungen mit Computerzeichnungen. Der Pionier Frieder Nake programmiert bis heute, was der Computer zeichnen soll. Seine revolutionären, mathematisch ausgetüftelten Grafiken sind extrem gefragt. „Zufälliger Polygonzug, 25.2.65“ von 1965 ist eine farbige Plotterzeichnung auf Papier, bei der der Stiftplotter via Informationsverarbeitung durch den Computer konsequent dem vom Künstler selbst entwickelten Algorithmus folgte.

Nake_Frider65

John Whitney (1917-1995)
Die ersten Computeranimationen entstanden von experimentierfreudigen Künstlern wie John Whitney. Im Ursprung ging es darum Musik mit Hilfe von elektronische Medien zu visualisieren. Zusammen mit seinem Bruder entwickelt er seit den 60er Jahren Techniken und erfindet Maschinen, um dies zu ermöglichen. Das Ergebnis sind ausdrucksvolle Animationen im abstrakten Design in der typisch machbaren Ästhetik der jeweiligen Zeit. „Permutations“  aus dem Jahr 1968 kann man heute auf YouTube ansehen. Sie basiert auf den Gedanken der Verpixelung und zeigt animierte Punkte, die einen Tanz aus Mustern eines Raumes ergeben. Animation bedeutete für John Whitney die Zukunft der Kunst.

 

Jeffrey Shaw (*1954)
Großes Aufsehen erregt 1988 die interaktive Installation „The Legible City“ von Jeffrey Shaw (1988-91). Sie besteht aus einer Software, einem Computer, einer Projektionsfläche und einem Fahrrad, auf dem der Akteur sitzt und sich aktiv durch eine virtuelle Stadt navigiert. Die Stadt besteht nicht aus Häusern, sondern aus Buchstaben, die sich zu Worten formieren. Durch das langsame Vorwärtsbewegen entstehen Sätze. Auf dem Weg durch die jeweilige Stadt kann der Fahrer ganzen Erzählsprüngen folgen. Die Version von Manhattan gilt heute als Schlüsselwerk im Bereich interaktive Installation.

Joan Heemskerk & Dirk Peasmans
Um den Anfängen der Netzkunst nachspüren, muss man nicht ins Museum. Es reicht den Computer einzuschalten und im Browser folgende Adresse einzutippen: wwwwwwwww.jodi.org /Es blinken in grellem Grün Interpunktionszeichen und Ziffern vor schwarzem Hintergrund. Sinn ergibt die Internet-Seite auch nach längere Betrachtung nicht. Die Auflösung liegt im Quelltext. Dieser wird vom Browser gelesen und zeigt Zahlen, Punkte und Schrägstriche, die zusammen den Grundriss einer Wasserstoffbombe ergeben. Diese Seite wurde 1993 von dem Künstlerduo Joan Heemskerk & Dirk Peasmans erschaffen. Sie zeigt sehr früh, dass das populäre Medium Internet,  nicht nur eine Form der globalen Kommunikation darstellt, sondern auch als künstlerisches Werkzeug verstanden werden kann. Noch dazu weist sie auf die Gefahren hin, die seit Anbeginn hinter der Oberfläche des Internets lauern.

Jodi_Quellcode

Cory Arcangel (*1978)
Cory Arcangel ist ein Künstler, der die Beziehungen zwischen Technologien und Kultur in den unterschiedlichsten Medien thematisiert. Seine ROM-Hacking-Arbeiten fallen in den Bereich des Hacktivismus. Ihre Ästhetik gründet auf der Computertechnologie der 70er und 80er Jahre. So nutzt Arcangel etwa historische Nintendo Entertainment Systeme und manipuliert deren Software. Die Arbeit »Clouds« (2002) basiert auf dem berühmten Videospiel Super Mario Bros, in dessen gehackter Version sämtliche Grafik gelöscht und lediglich die ikonischen Wolken beibehalten wurden, die nun in ihrer groben Pixelung vor einem strahlend blauen Hintergrund hin und her schweben.

Olia Lialina (*1971)
Olia Lialina zählt zu den bekanntesten NetzkunstKünstlern ihrer Zeit. Das Werk My Boyfriend Came Back from the War von1996 besteht aus einem System von sich vervielfachenden Frames, wenigen Bildern, knappen Sätzen und einer Schwarz-Weiss-Optik. Sie handelt von Krieg und den belasteten Kommunikationen nach dem Krieg. Je nachdem für welchen Frame sich der User entscheidend verläuft die Geschichte – analog zum Hypertext – sehr unterschiedlich. Diese bahnbrechende Netzkunstarbeit hat ihre Folgegenerationen in vielfacher Weise zum Nachahmen inspiriert.

Olia_Lialina

Aram Bartholl
Post-Internet-Art war ein vor einigen Jahren vielfach verwendeter Begriff, der – entgegen des Namens – das Internet und seine Kultur zum Thema macht wie keine andere Kunstrichtung. Post-Internet-Artistst kreisen um den Einfluss des Digitalen auf die technologisch getriebene Gesellschaft, indem sie netzabhängige Welten in den Bereich des offline-Lebens transferieren. Aram Bartholl ist einer davon. „Dead Drops“ ist ein offlinebasiertes globales Peer-to-File-Sharing Netzwerk im öffentlichen Raum, das der Künstler erstmals 2010 in New York realisiert. Mittels Spachtelmasse werden USB-Laufwerke in Wänden eingemörtelt und für die breite Öffentlichkeit nutzbar gemacht, so dass jeder Passant mit einem Notebook, digitale Daten von den „Dead Drops” ziehen oder hinterlassen kann. Internetzugang ist für das Teilen dieser Daten weder notwendig noch erwünscht. Im Gegenteil, seine Dead Drops umgehen jegliche Online-Überwachung und ermöglichen den ungestörten Datentransfer.

aram_bartholl_dead_drops_2010_01-e1526384395486-800x533

Gabriel Barcia-Colombo
Gabe BC ist Mixed-Media-Künstler, vor allem für seine lebende Videoinstallationen von “Miniaturmenschen”, die eingeschlossen in gewöhnlichen Objekten wie Koffern oder Mixern ihr hologrammes Eigenleben führen. Um das Bewusstsein für Datenschutzprobleme im Zusammenhang mit der Verwendung von menschlicher DNA und den biotechnologischen Möglichkeiten von heute zu schärfen, schuf er 2014 mit der „DNA Vending Machine“ einen handelsüblichen Verkaufsautomaten, aus dem genetisches Material von Menschen gezogen werden kann. Die menschliche DNA wird so zum Sammelobjekt und thematisiert zugleich aktuelle rechtliche Fragen in Bezug auf unsere wertvollen Erbinformationen.

Niko Abramidis & NE (*1987)
Niko Abramidis & NE hat die anfangs erwähnten Transformationsprozesse ganz konkret in seinen Arbeiten verinnerlicht.  Mit Blick auf die aktuellen digitalen und ökonomischen Prozesse imitiert er die Bildsprache von Großunternehmen – und schafft seine eigenen Chiffren, Logos, Icons, Aktien, Quartalsberichte, Kryptowährungen bis hin zu komplett eingerichteten Büros. Der „3000 Years Agenda Desk“ ist ein solch fiktives Büro: die Tischplatte des Schreibtisches besteht aus einem Flatscreen, der via eines google earth Filmloops sehr genau die globalen Finanzmetropolen im Blick behält, während eine Anubis-Skulptur und ein kleiner Zirkel an die Ökonomien der alten Ägypter verweisen. Ein Paar polierte Business-Schuhe, ein Business-Anzug und ein Skizzenblock erinnern an die Performance des Künstlers, der einst als Chef das Büro bediente und die Geschicke des Unternehmens im Blick behielt.
Abramidis_300_Agenda_desk

Winslow Porter
Herausragende Kunst steht und fällt mit der Umsetzung und dem dahinter stehenden Konzept. Eine der beeindruckendsten VR-Arbeiten ist das preisprämierte Werk „Tree“ des Künstlers Winslow Porter & Team. Tree verwandelt den User in einen Regenwaldbaum, dessen Wachstum er vom Samen in tiefer Erde bis hin zur ausgewachsenen Baumkrone live und mit allen Sinnen miterleben kann. Die Arbeit besticht nicht nur durch die überwältigende visuelle und gleichermaßen technisch überzeugende Darstellung des Regenwaldes. Sie verweist auch kritisch auf die von uns Menschen verursachte Klimakatastrophe, indem der Künstler den Regenwald einem lodernden Feuer aussetzt, das innerhalb des VR Erlebnisses physisch (durch Hitze und Geruch eines extern aufflammenden Streichholzes) spürbar wird. Die Arbeit entstand in Zusammenarbeit mit der Rainforest Allianz und ruft gleichzeitig für Spenden auf, um die Erde wieder ins Gleichgewicht zu bringen.