NFT – Revolution oder Hype?

Was 2017 mit den süßen CryptoKitties startete, entwickelte sich in den letzten Monaten zum Millionengeschäft.

Am 11. März hat der Digitalkünstler Mike Winkelmann alias „Beeple“ mit dem Verkauf seiner Arbeit „Everydays – The First 5000 Days“ im Wert von 69 Millionen US-Dollar im Auktionshaus Christies’s alle Erwartungen übertroffen. Plötzlich war er der drittteuerste lebende Künstler, hinter Jeff Koons und David Hockney – die Kunstwelt unter Schock!

Einen exponentiellen Anstieg erfuhr der NFT Markt dann im Zeitraum vom 2. bis 9. Mai, der mit dem Höhepunkt von einem bis dato Gesamtvolumen an NFT Verkäufen von USD 176.042.317 endete. Seit dem geht die Kurve nach unten. Daran änderte auch der NFT-Verkauf von neun CryptoPunks für 16,9 Millionen US-Dollar am 11. Mai bei Christie’s nichts.

Der glühende Markt für nicht fungible Token (NFTs) hat sich inzwischen abgekühlt.

Ob es sich um eine platzende Blase handelt oder lediglich um eine Kurskorrektur, bleibt abzuwarten.

Eines ist jedoch sicher: das System hinter den NFTs hat die Kunstwelt verändert und wird zu weiteren Veränderungen führen. Daran wird sich der Kunstmarkt wohl oder übel gewöhnen müssen.

Die teils kontroversen Diskussionen im Zusammenhang mit dieser Entwicklung erinnern an frühere Zeiten. Sie wurden und werden immer geführt, wenn Neues in der Kunst entsteht und damit den traditionellen Sehgewohnheiten widerspricht. Kunst, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter den Voraussetzungen neuer Technologien und Weltanschauungen entstand, wurde zunächst als „impressionistisch“ beschimpft, weil sie die geltenden Regeln und Gesetze der Kunst missachtete. Heute gilt der Impressionismus als Ausgangspunkt der modernen Malerei. Auch Fotografie wurde lange Zeit als Nicht-Kunst aberkannt. Als Duchamp Gegenstände aus der Lebenswelt nahm und sie zur Kunst deklarierte, gab es einen Aufschrei in der Kunstkritik. Werke des abstrakten Expressionismus wurden physisch attackiert. Und bald darauf gab es mit der Pop Art, der Minimal Art und der Konzeptkunst Entwicklungen, die anders waren als alles, was man je zuvor gesehen hatte. Kunst war seit dem mehr als ein „offenes Konzept“. Doch das nicht Sichtbare in der Kunst überstieg das Vorstellungsvermögen vieler Beobachter.

So wie sich die Rhetorik der Kritiker auch diesmal wiederholt, wenn sie NFTs als Modeerscheinung, Blase oder Spekulation abtun.

Sicherlich neu ist Kryptokunst nicht. Im 21. Jahrhundert sind neue Technologien kein passives Werkzeug der künstlerischen Praxis mehr. Kunstwerke in AR, VR, KI entstehen genauso wie alles andere, das die Kunstwelt kennt. Lediglich anders ist die Ästhetik, die die NFT Welt nutzt. Sie erinnert an den aalglatten Filterkult, den die moderne Fotografie sowie Snapchat ermöglichen und wahrscheinlich eine ganze Generation manipuliert. Auch viele der Themen entsprechen eher dem aktuellen Zeitgeist oder sind zukunftsorientiert: Science Fiction, Anime, CryptoWelten, Cyborgs, etc.
Wer stets das vollkommen Neue in der Kunst sucht, sprich nach neuen Formen oder Inhalten sucht, wird heute schnell enttäuscht. Selbst das Immaterielle wurde bereits durchexerziert.

Revolutionäres kann es bei näherer Betrachtung aber dennoch geben: im System!
Digitale Kunst zu unikatisieren ist revolutionär. Eigene und erfolgreiche Distributionswege zu schaffen ist revolutionär. In Hochgeschwindigkeit neue Käuferschichten zu generieren ist revolutionär!

Und ich freue mich, diesen Moment der Kunstgeschichte mitzuerleben, denn hier wächst eine neue Generation an Sammler heran: Krypto-finanzstarke Nerds und Unternehmer, die in Life-Style investieren, die neugierig und angstfrei sind, die an die Zukunft neuer Technologien glauben – an Kryptowährung, an dezentrale Strukturen, an offene Systeme – Leute, die auf einmal Lust an digitaler Kunst verspüren und dafür hohe Summen ausgeben. Das bisherige System lässt sich überdenken.

Denn ein Großteil dieser neuen Sammler ist weniger spekulativ als es für viele Kritiker den Anschein haben mag. Im Gegenteil. Vielmehr geht es bei dem Erwerb von digitalen Assets darum, online Identitäten zu schaffen. Ein Invest in Kunst bleibt sozial und kulturell. Ein Invest in Kunst bedeutet Leidenschaft und Emotion. Ein Invest in Kunst ausserhalb des White Cube und dem elitären Kunstbetrieb gibt die Möglichkeit, selbst Trends zu entdecken, Tastemaker zu werden und direkt in Kreativität zu investieren – Kreativität mitzugestalten. Noch nie war die persönliche Verbindung zwischen Käufer und Künstler so nah! Alle Beteiligten fühlen sich wertgeschätzt!

Der traditionelle Kunstmarkt könnte davon profitieren.