VR-Kunst sammeln?

Virtual Reality (VR) ist eine bahnbrechende neue Erfahrung in der Produktion, Rezeption und Vermittlung von Kunst. Die VR-Technologie bietet eine 360-Grad-Ansicht, die nicht nur Künstler inspiriert, sondern auch den E-Commerce verbessern kann, indem sie Käufer erreicht, die keine Galerien und Ausstellungen besuchen können.

Kurzer Rückblick

Der Begriff Virtual Reality (VR) tauchte erstmals 1982 in dem Buch „The Judas Mandela“ des Science-Fiction-Autors Damien Broderick auf. Zwei Jahre später prägte der amerikanische Autor William Gibson in seiner „Neuromancer“ -Trilogie den Begriff Cyberspace, indem er Menschen über neuronale Schnittstellen in eine simulierte Realität eintreten ließ. Aber der wahre Vater von Virtual Reality ist der mittelamerikanische Informatiker, Lebenskünstler, Zukunftsforscher und Unternehmer Jaron Lanier. Hinter der VR-Technologie steckt jahrelange Entwicklungsarbeit. Die ersten 19 Jahre des 21. Jahrhunderts sind durch rasante Fortschritte gekennzeichnet.

VR in der Kunst
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Niko Abramidis & NE, „Virtual Equity“, 2015, courtesy UNPAINTED 2016

Inzwischen leben wir in der vierten industriellen Revolution. VR ist auch ein großartiges Medium für Künstler. Die Nutzung als alternativer Raum, in dem Kunst geschaffen und erlebt werden kann, ist Teil einer natürlichen Entwicklung, die später in den Geschichtsbüchern stehen wird!

VR-Werke findet man heute Online, auf Festivals und Ausstellungen. Sprechen wir aber von Kunst, so dürfen wir uns nicht allein von der Technik beeindrucken zu lassen. Nicht alles was auf dem ersten Blick bunt, bewegt und neu erscheint ist Kunst. Wer sich mit der Unterscheidung schwer tut, vertraut Kennern, Kuratoren und Experten wie Kelanie Nichole, Gründerin der TRANFER gallery, Megan Newcome, verantwortlich für digitale Kunst beim Auktionshaus Phillips oder Tina Sauerländer, Gründerin der VR-Plattform Radiance.

Künstlerische VR-Arbeiten gibt es viele. Dass VR-Kunst zudem inzwischen auch von Sammlern wahrgenommen wird, zeigt ihre Präsens auf der weltweit wichtigsten Kunstmesse Art Basel oder aber der 58. Biennale in Venedig, wo Arbeiten von etablierten Künstlern wie Paul McCarthy oder Marina Abramović große Aufmerksamkeit erhielten. Hinter diesen Namen stehen Produktionsfirma wie beispielsweise Khora Virtual Reality oder Acute Art, letztere unter der Leitung von Daniel Birnbaum (ehemaliger Direktor des Moderna Museet in Stockholm). Sie bieten Künstlern Zugang zu modernsten Technologien, mit Hilfe derer sie Ihre Kreativität in neue, digitale Medien umsetzen können – einschließlich virtueller, erweiterter und gemischter Realitäten. Acute Art wurde 2017 von dem schwedischen Sammler Gerard De Geer und seinem Sohn Jacob De Geer gegründet. Inzwischen wurden bereits eine Reihe von Werken mit Künstlern wie Jeff Koons, Anish Kapoor oder Yu Hong realisiert.

VR-Kunst sammeln

Erfahrene Sammler mit Art & Technology zu beeindrucken, bleibt dennoch eine schwierige Aufgabe. Allein namhafter Künstler zu sein, kann nicht überzeugen. Herausragende Kunst steht und fällt mit der Umsetzung und dem dahinter stehenden Konzept. Eine der beeindruckendsten VR-Arbeiten habe ich kürzlich auf dem Global Developers Forum in Südkorea entdeckt.

Das Konzept: Zuerst pflanzte ich einen realen Samen in Erde. Erst dann setzte ich die VR-Brille auf. Und dann? Der VR Baum des Künstlers Winslow Porter & Team verwandelte mich in einen Regenwaldbaum. Meine Arme wurden zu Ästen, mein Körper zu einem Stamm und ich erfuhr das Wachstum des Baumes, angefangen vom eingepflanzten Samen bis hin zu seiner vollendeten Form. Ich sah fleißige Ameisen an mir vorbeieilen, hörte kreischende Papageien und entdeckte entspannte Leoparden auf benachbarten Bäumen. Mein Stamm wurde immer dicker, die Tiefe immer tiefer. Der Blick über die Baumkronen zeigte plötzlich ein loderndes Feuer, das mich zunehmend bedrohte. Der Geruch der Erde, der Lärm des Dschungels, die aufsteigende Hitze des Feuers wurden durch manuelle Hilfsmittel von außen spürbar gemacht. Ich war in einer völlig neuen, bisher unbekannten Welt. Die von uns Menschen verursachte Klimakatastrophe wurde mir bewusster denn je. Wälder sind überlebenswichtig für jedes Lebewesen auf der Erde. Die Arbeit entstand in Zusammenarbeit mit der Rainforest Allianz und ruft gleichzeitig für Spenden auf, um die Erde wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Kriterien für das Sammeln von VR-Kunst
  • Erhalt und Restaurierung
    Noch ist die Zeit nicht gekommen, dass ein Großteil der Sammler den ephemeren Charakter neuer Medien akzeptiert. Dauerhaftigkeit innerhalb der sich schnell verändernden technologischen Fortschritte zu schaffen ist EIN Kriterium, das für den Erwerb einer Arbeit eine Rolle spielt. Marc Tribe, Gründer der Plattform Rhizome, hat 4 Methoden beschrieben um Medienkunst zu erhalten. Sie gelten auch für den Bereich der Virtual Reality:
    Documentation (Screen shots, artist diagrams, Installationsbeschreibungen oder Statements)
    Migration (Aktualisierung von Werken, Aufnahme neuer Technologien und Anpassung an neue Dateiformate)
    Emulation (System, das ein anderes in bestimmten Teilaspekten nachbildet und so auf neueren Systemen abspielen kann.)
    Recreation (Neuauflage eines Kunstwerkes für neue technische Umgebungen)
  • Verantwortung & Dialog
    Bisheriges Sammeln war einfach. Kauft man beispielsweise eine Leinwandarbeit von Gerhard Richter, hängt man sie an die Wand und genießt den täglichen Dialog. Kauft man hingegen eine Arbeit im Bereich VR, so übernimmt man Verantwortung. Werke, die mit Technologie zusammenhängen bedürfen den Dialog mit Künstlern, Experten oder auch Anwälten. Ein wichtiger Bestandteil beim Erwerb einer VR-Arbeit ist der Vertrag. In diesem sind Rechte geklärt, aber auch Pflichten des Sammlers aufgeführt. Rechte im Sinne, wo und wie die Arbeit präsentiert werden kann und Pflichten gegenüber dem Kunstwerk dessen einwandfreie Präsentation ermöglicht werden muss. Ändert sich die Technologie, so verpflichtet sich der Sammler oder die Sammlerin, diese dem Kunstwerk anzupassen. Natürlich muss man nicht verstehen, wie die Arbeiten entstanden sind oder ein Tech-Freak sein, um die Arbeiten zu genießen. In der Regel setzt man einfach die Brille auf und schaltet die Software ein. Funktioniert die Technik einmal nicht, so gibt es die Möglichkeit, den Programmierer oder Künstler anzurufen. Generell empfiehlt es sich die Soft- und Hardware regelmäßig überprüfen zu lassen. Einige empfinden diese Verantwortung als unangenehm. Wer jedoch bereit ist, mit unserem Zeitalter zu gehen und sich den Herausforderungen zu stellen, wird seine große Freude an den Kunstwerken haben.
  • Qualität
    Für VR wie für jedes Kunstwerk gilt: nur die kontinuierliche Qualität eröffnet den Zugang in den professionellen Kunstbetrieb! Qualität ist subjektiv, sie zeigt sich sowohl in den künstlerischen Inhalten wie auch in der Ausführung. Welche Aussage hat das Werk? Welches Konzept steht dahinter? Ist es kritisch gegenüber der Gegenwart oder rein dekorativ? Wie ist es ausgeführt? Viele Werke führen bei längerer Betrachtung zur typischen VR-Krankheit, die zu Übelkeit führen kann und sich wie seekrank anfühlt. Künstler, die ihre Technik beherrschen, wissen damit umzugehen. Kein Mensch soll sich in der virtuellen Welt unwohl fühlen oder gar den Boden unter den Füssen verlieren. Die gekonnt umgesetzte Interaktion im virtuellen Raum ist extrem beeindruckend und lässt die Realität vergessen.
  • Unikatscharakter
    Vieles im Kunstmarkt gilt als interessant und auch wertvoller, wenn es als Unikat vorliegt. Ein Gemälde von Picasso ist ein Unikat. Eine Zeichnung von Cy Twombly ebenso. Eine Fotografie von Andreas Gursky gibt es als Unikat, aber auch als Edition. Manche Künstler verkaufen dasselbe Motiv in verschiedenen Größen und Editionen, jedoch stets limitiert. Genau genommen bedeutet diese durch den Kunstmarkt iniziierte Limitierung einen Widerspruch, basiert doch die Geschichte der Fotografie oder auch Videokunst auf technische Reproduzierbarkeit. Viele VR-Kunstwerke finden wir online, so dass jeder Zugang zu den Werken haben kann. Der Link zum download ist eine natürliche Entwicklung auch im Bereich der Kunst. Und wer das nötige Equipment zum Eintauchen in die VR-Welt hat, kann dies jederzeit ohne großen Kosten und Auflagen tun. Wir leben in einer Ära, in der die Entwicklung von Technologie Realität geworden ist und die es allen Menschen auf der ganzen Welt ermöglicht, Ideen und Visionen zu kreieren, zu bearbeiten und zu kommunizieren. Und sicherlich bedarf es im Bereich des Kunstsammelns ein Umdenken. Blockchain oder Token sind Möglichkeiten die derzeit diskutiert werden, um Eigentumsfragen zu klären oder Eigentumsanteile zu erwerben.

berlin-1429878_640Dass Technik unser Leben verändern wird, haben bereits Wissenschaftler wie McLuhan vor gut einem halben Jahrhundert gewusst. Was wir daraus machen und wie wir mit der Technik in der heutigen Kultur umgehen,  wird die Geschichte zeigen. Künstler sind ihrer Zeit meist voraus.