Führt die Blockchain zu mehr Transparenz?

@Aram Bartholl, "Point Of View", 2015
@Aram Bartholl, „Point Of View“, 2015
Das Internet ist ein Raum ohne Horizont und Grenzen, was unsere Umwelt und somit auch unsere Sinneswahrnehmung völlig verändert hat. Dem tiefen Blick in das Smartphone begegnen wir real an jeder Ecke: auf der Straße, in den U-Bahnen, im Flugzeug, in Warteschlangen und Cafés. Der zwischenmenschliche Dialog wird zunehmend virtuell geführt.

AD: Alain, how active do you use the Internet and its possibilities for researches in art?
AS: I have the chance of most often being able to experience art in real. This is still an indispensable element in the process of acquiring. I am a rat of the internet when it is question of looking for information on art of interest to me. The key information I am always trying to gather before acquiring a work are: –a document gathering the works which have marked the evolution of the artist’s practice –a writing by an academic, curator or critic contextualizing the artist’s work –an interview of the artist as I want to hear his” voice” on his art too –a biography

AD: Wolf, wie aktiv nutzt Du das Internet und seine Möglichkeiten für eine bessere Vermarktung in der Kunst?
WL: Wir sind auf diversen Sozialen Medien und Websites präsent wie z.B. FB, FLICKR, Bpigs, ArtfactsNet etc. Dabei versuchen wir es auf kunstrelevante Seiten zu beschränken. Als wirkliches Kommunikationsmedium nutzen wir in erster Linie Facebook. 

AD: Aram, killyourphone.com schafft Abhilfe und sorgt für Technologiekritik. Was wären Deine Themen ohne das Internet?
AB: Trotz zunehmender Kommunikation über Geräte und Netzwerke, nehme ich aber auch wahr, wie Freunde immer bewusster und punktueller ihre Meinung in den Social Media Kanälen äußern. Wir haben inzwischen verstanden, dass all die Kommentare und spontanen Äußerungen auf Twitter, FB & Co nicht mehr verschwinden, aber gespeichert, analysiert und verwertet werden. ‚Private is the new public’, sagte kürzlich Geraldine Juarez. Der Glaube, dass das Netz die Welt ganz toll demokratisch macht und Chancengleichheit für alle Menschen bietet, ist spätestens seit den Snowden Enthüllungen endgültig gebrochen. Insofern ist das Thema ‚wie geht es ohne Internet?‘ sehr interessant! Wie können wir ohne zentrale, überwachende Dienste kommunizieren? Welche low-tech DIY-Technologien stehen zur Verfügung, um Daten ‚offline‘ auszutauschen? Wie lebt es sich eigentlich ohne Google?… (Ein Selbsttest ist dringend empfohlen)

Das Wechselspiel zwischen den alten und neuen Umwelten führt zu zahlreiche Unsicherheiten und Generationskonflikten. Während manch nostalgische digital immigrants, die Vorteile der digitalen Welt noch als künstlich, fremdartig und unsozial bewerten, fühlt sich der digitale Reichtum für die Generation der digital natives als ganz natürlich an. Ihnen wurden die neuen Technologien mit in die Wiege gelegt. 

AD: Alain, you are a digital immigrant. What was your first media work in the collection? When did you buy it and why?

Mark Napier, "Old Testament", 2003, courtesy bitforms gallery, NY
Mark Napier, „Old Testament“, 2003, courtesy bitforms gallery, NY

AS: My first experience with digital art was with bitforms gallery in NY, largely over 10 ago – at a time when it was really under the rare. I went to an exhibitions by Mark Napier of which I acquired a work at that time – one of the Old Testaments piece. That was very natural for me, because I was looking for some new kind of art. I knew enough of art history to know that every important movement of art was always linked to a social, economical, technological , psychological development in society. It was a time, I am trying to collect works which are really addicted to the actual world, the world around us. I was thinking, ok let’s put myself in 2150: when I be still using my third heart and my second brain, what will I say that was important in the year 1999/ 2000? Without any doubt it will be the computer and the Internet 2.0 with Facebook and Social Networks and everything. Eventually I would say: wow if people create arts and when it is digital, I really considered immediately that it was a very important development for the arts.

AD: Wolf, du vermittelst und verkaufst digitale Kunst. Was glaubst du ist heute das größte Hindernis, wenn man die Wirkung neuer Medien verstehen will?
WL: Das Verkaufen und Vermitteln über das Internet verleitet zur Oberflächlichkeit. Dies ist zumindest meine Wahrnehmung. Auf einer Website Kunst zu erleben, interaktiv 
oder nicht, ist oft durch kürzere Zyklen geprägt, als die gleich Website hier in der Galerie zu betrachten. Ich denke wir brauchen nach wie vor ein Gleichgewicht von IRL und VR. Macht eigentlich auch Sinn, denn wir selbst verkörpern auch Beides. Ein Grund warum die digital natives oft ich in analoge Medien ausdrücken, kein Zufall!

@Casey Reas, „Network D“, 2012, courtesy DAM gallery, Berlin
@Casey Reas, „Network D“, 2012, courtesy DAM gallery, Berlin

AD: Aram, deine Arbeiten stehen im Spannungsverhältnis von öffentlich und privat, online und offline, von Technologieverliebtheit und Alltagsleben, wodurch Du uns unsere neue Umwelt besser zu verstehen lehrst. „Wer unsere Wahrnehmung schärft richtet sich gegen die Gesellschaft…“, sagte Medientheoretiker Marshall McLuhan. Ist dem so?
AB: Gerade HEUTE ist es mehr denn je wichtig die Wahrnehmung bezüglich der Auswirkung technologischer Entwicklung zu schärfen. Zweieinhalb Jahre nach Snowden flacht die öffentliche Diskussion um Privacy und Massenüberwachung immer weiter ab. Während sich die großen Geheimdienste mit dicken Budgets eindecken um zur NSA aufzuschließen schwindet das Interesse an weiteren brisanten Leaks aus den Snowden-Dokumenten. ‚Nothing to hide‘ ist das Mantra der ‚Smart New World‘, in der wir die komplexen Mechanismen der Überwachung weder spüren noch sehen können. Im Gegensatz zum dystopischen Matrix Szenario wird unsere Welt immer fluffiger, smarter und bequemer, außer man hat den falschen Pass oder sitzt im Bus neben einem vermeintlichem Terroristen. Dann wird die Realität knallhart. Genau aus diesen Gründen ist es, so wichtig mit konkreten Bildern, Objekten oder Installationen die unsichtbare, abstrakte Datenwelt verständlich zu machen. Wenn man 8 Bände mit 4,7 Millionen Passwörtern von LinkedIn Usern in den Händen hält, versteht man plötzlich wie es um die Sicherheit unser Onlineidentitäten bestellt ist.

Das copyright ist seit der Entwicklung des Buchdrucks relevant. Es erteilt dem Urheber das exklusive Recht, Inhalt und Form von geistigem Eigentum zu vervielfältigen, veröffentlichen und verkaufen. Die copy & paste Mentalität der Internet-User brachte Chaos in das System. Die Blockchain-Technologie soll nun Urheber- und Vermarktungsrechte in der digitalen Welt transparenter verwalten, ganz ohne Bitcoin und monetären Hintergrund. Die Idee hat ihren Ursprung in der Kunst-Szene.

AD: Alain Do you think the further developments of the blockchain lead to more transparency and protection against forgery?
AS: I would not use the word forgery, but an unfair use or a copyright infringement. I suppose that the blockchain is one path that should be investigated and tested for the copyright protection of online work of art. I believe in a transformation of the economy of the art market for online art in the direction of a wider distribution through maybe a “renting” of the work rather than an illusory acquisition (taking into account the copyright stays with the artist anyway). i-tunes and spotify adapted to the online art economy.

AD: Wolf, nutzt Du diese neuen Möglichkeiten innerhalb der Vermarktung digitaler Kunst? Und hast Du bereits über neue Währungsmodelle nachgedacht?
WL: Ich bin bereits damit konfrontiert worden und denke es ist sinnvoll. Bei meinen Künstlern gab‘ es jedoch noch keine Notwendigkeit oder Bereitschaft.  Mit neuen Währungsmodellen habe ich mich noch nicht beschäftigt. 

AD: Aram, Wie stark wird die Blockchain und der Bitcoin in der Künstlerszene wirklich diskutiert?
AB: Dienste wie Wikipedia, die Open-Source Software Bewegung und im Prinzip das ganze World Wide Web würden heute gar nicht existieren wenn sich Telco-Bezahldienste wie kostenpflichtiges BTX mit pay-per-view in den 80er Jahren durchgesetzt hätte. Natürlich stellt die Möglichkeit der unendlichen Vervielfältigung klassische Märkte auf den Kopf und es hat in den letzten Jahren ausgiebige Debatten über Copyright und geistiges Eigentum gegeben. Wir sollten aber nicht vergessen, dass ein Großteil der Software, die das Internet und Millionen von Geräten heute betreibt im Geiste der offenen Sharing-Kultur entstanden ist. 
Die Blockchain ist ein machtvolles Tool um im digitalen Raum eine künstliche Verknappung einzuführen. Es sei jedem Künstler und Künstlerin selber überlassen ob und wie er/sie seine/ihre Arbeiten distribuieren will. Der Kunstmarkt und die Nachfrage wird sicherlich noch das ein oder andere Modell zum Vertreiben für Kunst die nur in Bits und Bytes existiert hervorbringen. Lassen wir uns überraschen…