Die Bitcoin Blockchain

Auch wenn digitale Kunst teils noch in Kinderschuhen steckt und unausgewertet floriert, das Publikum begegnet ihr mit Neugierde. Neue Kunstformen im Bereich des immateriellen Digitalen erfordern ein generelles Umdenken hinsichtlich der Bewahrung, Präsentation und den Erwerb von Kunst. Und auch die Rezeption von digitaler Kunst ist eine andere.

AES+F   Reincarnation
AES+F Reincarnation / s(edition) collection of Annette Doms

Historische Kunst entsteht über die jeweilige Zeit und Gesellschaft, also stets in der Gegenwart.  Neue Technologien öffnen heute neue Möglichkeiten künstlerischen Potenzials. Aktuell reagiert die durch neue Technologien beeinflusste Kunstproduktion sehr stark auf den Wandel der Zeit. Es entstehen Kunstwerke, die auf die Digitalisierung reagieren, auch dann wenn sie nicht zwangsläufig das digitale Format widerspiegeln (wie beispielsweise bei Aram Bartholl).

Formal rein digitale Kunst ist ephemer und basiert auf eine vergängliche Technik. Die ständige Weiterentwicklung der Technik erfordert permanente Verbesserungen. Herausforderungen, von denen sich viele der heranwachsenden Künstler nicht abschrecken lassen. Im Gegenteil: die monatliche Fülle an Events zur digitalen Kunst belegt ein reges Interesse an ihr.

Die global technischen Netzwerke bewirken dabei neue Atmosphären bzw. Infosphären, wie sie Medientheoretiker Peter Weibel nennt. In der Kunstwelt zwingen sie bisherige kunstgeschichtliche Betrachtungen zu einer Neubewertung. Herkömmliche Theorien und Praxen müssen infrage gestellt werden. Neue Kunstformen im Bereich des immateriellen Digitalen erfordern ein generelles Umdenken hinsichtlich der Bewahrung, Präsentation und den Erwerb von Kunst. Und auch die Rezeption von digitaler Kunst ist eine andere.

Wird sich der Kunstmarkt deswegen ändern?
Laut Hiscox Studie herrscht im realen wie im Onlinehandel weiterhin große Präferenz für Originalarbeiten. Authentizität und Werthaltigkeit sind nach wie vor wichtige Entscheidungskriterien für den Ankauf von Kunst. Transparenz wird langfristig eine Grundvorraussetzung für die  Schaffung von Vertrauen.

Die meisten Ankäufe von digitaler Kunst finden konventionell über Galerien statt. Erwirbt ein Sammler beispielsweise eine Website, so verkauft der Galerist ihm eine Domain / Unikat und übermittelt einen Lizenzvertrag. Dieser ist materiell. Das „Netzwerk“ bleibt virtuell, doch hält alle Attribute eines Kunstwerkes im Quellcode offen: die Signatur des Künstlers, den Titel, das Entstehungsjahr, die Technik, Angaben zum Programmier oder Sammler.

 

@Doms_RR
Collection of Annette Doms

 

Der Sammler kann die Arbeit orts- und zeitlos genießen. Zugleich ist er verantwortlich für ihren Erhalt. Der Erhalt ist ein Garant für die Kontinuität der Zeit.
Netzkunst ist im allgemeinen abhängig von Software, vor allem aber auch von Hardware (Computer, Festplatten, Interfaces, Sensoren, Monitore, Projektoren etc.). Doch wie lange bleibt uns noch die Hardware in der interaktiven Kultur? Vorausschauende Sammler kaufen neben dem Vertrag auch eine Reihe an Geräten, die die Werke für die Zukunft wappnen.

Die Lernfähigkeit über neue Herangehensweisen an die schnelllebige Kultur geschieht natürlich und rasant. Der Kunstmarkt ist ein extrem intransparenter Markt – basierend auf die richtigen Netzwerke und Kontakte. Wird sich daran so schnell etwas ändern?

Wie sieht die Freiheit des Handels im Big-Data-Zeitalter in Zukunft aus?
Die Kunstgeschichte belegt: Künstler sind ihrer Zeit voraus, sie ahnen das Kommende. Und so braucht man sich nur in der Szene umzusehen, um auf neue Gedanken und technologische Vermarktungsmethoden in der Kunstwelt zu stoßen.

Der deutsche Künstler Stephan Vogler hat es bereist getan und in Zusammenarbeit mit einer deutschen Anwaltskanzlei intelligente Synergien freigesetzt. Er selbst produziert digitale Dateien, immaterielle Güter wie er sie nennt, die natürlich langfristig auch in den Kunstmarkt übergehen sollen. Dies im Idealfall als Unikat, das man – so die Überlegung in seinem System – via Bitcoin erwerben kann.

Viel interessanter als der Bitcoin-Erwerb erscheint jedoch die Bitcoin-Technologie, die dahinter steckt.
Stephan Vogler hat mit Kunstrechtsexperten eine Lizenz entwickelt, die digitale Kunstwerke in technisch und rechtlich limitierte und eigenständig handelbare virtuelle Güter verwandelt. Das System basiert auf einem Lizenzvertrag unter Nutzung der Bitcoin Technologie. Alle Werke werden mit einer elektronischen Signatur versehen, die laut Gesetz auch als originale Unterschrift anerkannt ist und darüber hinaus den Nachweis liefert, dass die Datei zum angegebenen Zeitpunkt vorlag. Ihre Echtheit ist mathematisch belegbar. Das Recht auf Wiederverkauf ist exklusiv. Das virtuelle Eigentum ist für den jeweiligen Eigentümer technisch und gesetzlich limitiert. Der Eigentümer der Nutzungsrechte wird in einer dezentralen Bitcoin Blockchain registriert. Die Rechte der Arbeit werden durch eine Bitcoin Transaktion zugeteilt. Digitale Kunstwerke werden dadurch zum Sammler- und Handelsobjekt ohne sie zu materialisieren. Kauf und Transaktion finden zeitgleich statt. Die Funktion des Treuhänders wird eliminiert. Die Strukturen beim Erwerb sind somit extrem transparent.

Künstler wie Stephan Vogler werden den Markt für digitale Kunst mit einer neuen Technologie revolutionieren. Unabhängig davon schläft auch die Kunstwelt nicht. Sammler, Institutionen und Kunstmarktplattformen nehmen bereits Kenntnis davon: Österreichs Museum für Moderne Kunst (MAK) hat als erstes Museum ein Kunstwerk mit Bitcoins gekauft. Cointemporary.com, eine kuratierte Online-Plattform, bietet ephemere Kunstwerke zu einem festen Bitcoin (BTC) Preis an – unabhängig von dem aktuellen Wechselkurs. Auch die Berliner Firma ascribe.io entwickelt Systeme innerhalb der Blockchain Technologie und offeriert Dienstleistungen für Kunstexperten, um ihre digitale Dateien professionell zu managen, sprich: registrieren, archivieren, Eigentum zu übertragen, etc. Die Winklevoss-Zwillinge sind bekannt als große Befürworter der digitalen Währung. Gerüchte über Investments für die Kunst kursieren.

Der Erwerb von Kunstwerken via Bitcoin klingt zukunftsorientiert und einfach, ist jedoch mit großer Vorsicht zu genießen. Grund: Bitcoins werden nicht von einem Staat und seiner Zentralbank kontrolliert, sondern von Internetnutzern in kompliziertern Rechenoperationen generiert. Was wäre also der Vorteil am Bitcoin-Ankauf?

Fragt man die Sammler des Digitalen, wie den Belgier Alain Servais oder den Schweden Hampus Lindwall, so stehen diese dem Ankauf der risikobehafteten Bitcoin-Währung mit Skepsis gegenüber.

Es ist noch zu früh um sie Auswirkungen dieser Entwicklungen tatsächlich beurteilen zu können. Und letztendlich geht es bei der gesamten Diskussion auch weniger um das Währungssystem als viel mehr um die Technologie die auch für andere Sachverhalte genutzt werden kann.
Richtig fruchten werden die Experimente nur durch ein hohes Maß an Sachverstand, den Mut rechtliche Konsequenzen in Kauf zu nehmen und durch User-freundliche Entscheidungen im Design.